Die Erklärung der Glaubenskongregation –
eine Einladung zum Dialog


Kardinal Walter Kasper

Die Erklärung der Glaubenskongregation „Zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ hat in raschen ersten Reaktionen bei evangelischen Christen zu Irritationen geführt. Eine ruhige zweite Lektüre wird zeigen, daß das Dokument nichts Neues sagt, sondern die schon bisher vertretene Position der katholischen Kirche in knapper Zusammenfassung darlegt und erläutert. Deshalb ist keine neue Situation entstanden und auch kein sachlicher Grund zu Empörung oder ein Anlass sich brüskiert zu empfinden gegeben. Jeder Dialog setzt Klarheit über die unterschiedlichen Positionen voraus. In diesem Sinn waren es gerade evangelische Partner, die in letzter Zeit einer Ökumene der Profile das Wort redeten. Wenn nun die Erklärung das katholische Profil darlegt und ausspricht, was uns aus katholischer Sicht leider noch immer trennt, dann hindert dies nicht den Dialog sondern fördert ihn.

Eine sorgfältige Lektüre des Textes macht deutlich, daß das Dokument nicht sagt, die evangelischen Kirchen seien keine Kirchen, sondern sie seien keine Kirchen im eigentlichen Sinn, d.h. sie sind nicht in dem Sinn Kirchen wie die katholische Kirche sich als Kirche versteht. Das ist für jeden auch nur halbwegs Unterrichteten eine pure Selbstverständlichkeit. Denn die evangelischen Kirchen wollen gar nicht Kirche im Sinn der katholischen Kirche sein; sie legen Wert darauf, ein anderes Kirchen- und Amtsverständnis zu haben, das Katholiken wiederum nicht für das eigentliche halten. Hat nicht das jüngste evangelische Dokument über Amt und Ordination etwas Ähnliches getan und in der Sache behauptet das katholische Kirchen- und Amtsverständnis sei aus evangelischer Sicht nicht das eigentliche?

Wenn ich nach der Erklärung „Dominus Jesus“ formulierte, die protestantischen Kirchen seien Kirchen anderen Typs, so war dies nicht – wie einige Reaktionen von evangelischer Seite vorauszusetzen scheinen – ein Gegensatz zu der Formulierung der Glaubens-kongregation sondern der Versuch einer sachgemäßen Interpretation, an der ich festhalte. Das um so mehr als Katholiken nach wie vor von evangelischen Landeskirchen, von der EKD als der Evangelischen Kirche Deutschlands, von der VELKD als der Vereinigten evangelisch lutherischen Kirche Deutschlands, von der Church of England usw. sprechen. Die Erklärung der Glaubenskongregation tut nichts anderes als daß sie zeigt, daß wir dabei das eine und selbe Wort Kirche nicht völlig in demselben Sinn gebrauchen. Eine solche Feststellung dient der Klarheit und damit dem Fortschritt des Dialogs.

Grundlage des Dialog ist freilich nicht das, was uns trennt sondern das Größere, das uns verbindet. Deshalb sollten wir nicht überlesen, was die Erklärung positiv über die evangelischen Kirchen sagt, nämlich daß Jesus Christus in ihnen zum Heil ihrer Glieder wirksam gegenwärtig ist. Das ist im Blick auf die Vergangenheit keineswegs eine selbst-verständliche Aussage; sie schließt die Anerkennung der Taufe ein und – bei allen wichtigen bestehenden Unterschieden – nach dem II. Vatikanum auch eine Reihe von positiven Aussagen über das evangelische Abendmahl (Ökumenismusdekret, 22). So wird in der Erklärung nichts von den erreichten ökumenischen Fortschritten zurückgenommen sondern auf die ökumenische Aufgabe hingewiesen, die noch vor uns steht. Diese Unter-schiede sollten uns aufregen und nicht diejenigen, die sie beim Namen nennen. Das letztere ist vielmehr eine dringliche Einladung zu einem sachbezogenen weiterführenden Dialog.

 

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