Die ökumenische Bedeutung der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen
Kardinal Walter Kasper, Rom anlässlich der Verleihung des Thomas-a-Kempis-Preises am 09.12.2012

I.
Als ich nach meinem Abitur mit 19 Jahren vor genau 60 Jahren, im Jahr 1952, ins Tübinger Theologenkonvikt Wilhelmstift einzog, erhielten alle Neulinge eine Liste von Büchern zugeschickt, die wir anschaffen sollten und die uns zur Lektüre ans Herz gelegt wurden. Dazu gehörte damals ganz selbstverständlich die Nachfolge Christi des Thomas von Kempen. Sie war und ist das meistgelesenste Buch nach der Bibel. Ich muss freilich bekennen, dass ich damals damit nicht so recht warm werden und wenig Geschmack daran finden konnte. Mir war darin zu viel vom Kreuz und Leiden, von Selbstverleugnung und Weltflucht die Rede, aber zu wenig von der Auferstehung; die Freude an der Schöpfung und die Sendung in die Welt kamen kaum vor.
Ich war nach dem Zweiten Weltkrieg in der damaligen katholischen Jugendbewegung aufgewachsen. Für uns war Romano Guardini wichtig, vor allem sein Satz: „die Kirche erwacht in den Seelen.“ So entdeckten wir den Gemeinschaftscharakter der Eucharistie und sprachen von der Gemeinschaftsmesse. Die Frömmigkeit in der Imitatio Christi erschien uns individualistisch; von der Kirche als Gemeinschaft und vom Gemeinschaftscharakter der Eucharistie fanden wir dort nichts. So konnten wir dieses Buch nicht mit dem Geist verbinden, der uns schon damals auf das II. Vatikanische Konzil vorbereitete und der sich seither in der Kirche durchgesetzt hat.
Doch bald wurde mir klar, dass man das nach der Bibel am meisten gelesene Buch mit seiner enormen Wirkungsgeschichte bei katholischen wie evangelischen Christen kaum achtlos zur Seite legen kann. Der hl. Franz von Sales sagte, es habe schon mehr Menschen geheiligt als es Buchstaben hat. Zudem gab es ökumenische Gründe. Ich wuchs in einer Gegend auf, in der Katholiken und evangelische Christen zusammenleben. An der Universität Tübingen, an der ich hauptsächlich studierte, gab es eine katholische und eine evangelische Fakultät. Doch in den 50er Jahren war vom ökumenischen Geist noch wenig zu spüren. So war es uns als katholischen Theologiestudenten verboten, evangelische Vorlesungen zu hören. Aber gerade weil es verboten war, war es auch interessant. So erwachte mit der Neugier bald auch das Interesse an evangelischer Theologie, besonders an Martin Luther, und ich begann, Luthers Werke gründlicher zu studieren.
Dabei entdeckte ich, dass für Luther die Theologie des Kreuzes von ganz grundsätzlicher Bedeutung war. Schon in den Ablassthesen von 1517 sagt er, das ganze Leben des Christen müsse eine stete Buße sein, und er schließt mit der Aufforderung, die Christen zu ermahnen. ihrem Haupt Christus durch Kreuz, Tod und Hölle nachzufolgen (WA 1, 233-238). In den Heidelberger Disputationen von 1518, also nur ein Jahr nach dem sogenannten Thesenanschlag, führt Luther eine scharfe Attacke gegen Aristoteles und damit gegen die scholastische Theologie und sagt, die wahre Theologie sei theologia crucis, Kreuzestheologie (WA 1, 362). Das bedeutet, der Mensch dürfe von sich und seinen eigenen Kräften nichts, gar nichts erwarten, sondern müsse alles von Gott und vom Kreuz Christi erwarten. Deshalb spielt bei Luther (wie in der gesamten geistlichen Tradition) die humilitas, die Demut, eine grundlegende Rolle. Die letzten Worte Luthers sollen gewesen sein: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Darin kommt das Grundanliegen vom Luthers Rechtfertigungslehre zum Ausdruck, die im 16. Jahrhundert zum Hauptstreitpunkt zwischen Luther und Rom und zum Hauptgrund der Kirchenspaltung wurde. Leider hat es bis 1999, also fast 500 Jahre gedauert, bis diese Streitfrage durch die Augsburger Gemeinsame Erklärung überwunden werden konnte.
Spätestens damals dämmerte mir, dass die Nachfolge Christi des Thomas von Kempen mit ihrer Kreuzes- und Demutstheologie nicht so falsch liegen kann. In der Tat finden sich bei Thomas von Kempen und Luther ähnliche Aussagen (II.9f.; 12; III.7f.). Das macht verständlich, dass seine Nachfolge Christi nicht nur von katholischen, sondern auch von evangelischen, besonders pietistischen Christen so begeistert aufgegriffen wurde und bis heute aufgegriffen wird. Diese erstaunliche Rezeptionsgeschichte ist ein ökumenisches Phänomen erster Ordnung. Für mich war sie ein Anstoß, der Sache etwas genauer auf den Grund zu gehen und der ökumenischen Bedeutung der Imitatio Christi des Thomas von Kempen nachzuspüren.

II.
Wenn man der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen näherkommen will, wird man zunächst fragen: Wer war dieser Thomas Hermerken, der 1379/80 in Kempen am Niederrhein geboren ist? Ob er wirklich der Verfasser der Nachfolge Christi war, ist bekanntlich umstritten. Heute neigen die meisten Forscher dazu, diese Frage zu bejahen oder zumindest anzunehmen, dass er es war, der die letzte Hand an die Redaktion der vier Bücher der Nachfolge Christi legte. Wichtiger ist die Frage: Was war das für eine Zeit, in der Thomas von Kempen lebte? Es war die Zeit des ausgehenden Mittelalters an der Schwelle zur Neuzeit und zur Reformation. Thomas von Kempen ist 1471 im Stift Agnetenberg bei Zwolle gestorben, Martin Luther ist nur 12 Jahre später 1483 in Eisleben geboren. Schon die Nähe dieser beiden Daten macht deutlich, dass es eine recht dramatische Umbruchzeit gewesen sein muss. Die Welt stand damals in Flammen. In Konstanz wurde 1415 Hus verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, in Böhmen tobten dann die Hussitenkriege, in Frankreich der 100-jährige Krieg, bei dem die Jungfrau von Orléans 1431 in Rouen verbrannt wurde. In Basel tagte ein Konzil; die dort stattfindenden Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Papst und Konzil erschütterten die Kirche und die Autorität ihrer Institutionen.
Unbestritten ist, dass es damals in der Kirche viele Missstände und veräußerlichte Frömmigkeitsformen gab, welche mit Anlass zur Reformation wurden. Aber es gab nicht nur Missstände; es gab schon vor der Reformation und ohne sie Erneuerungsbewegungen, etwa Ordensreformen und Reformorden. Luther selbst schloss sich ja dem Reformzweig der Augustiner-Eremiten an. Auch Thomas von Kempen lebte in einem Kloster der Augustiner-Chorherrn, wo die Devotio moderna, d. h. die damals als modern bezeichnete Frömmigkeit, gelebt wurde. Augustinus und die damalige Augustinus-Renaissance verbanden beide. Dasselbe gilt für die Renaissance des Bernhard von Clairvaux, der Luther durch Vermittlung seines Beichtvaters und Mentors Staupitz verbunden war. Ebenso wurde Johannes Tauler († 1361), einer der bekanntesten Vertreter der spätmittelalterlichen deutschen Mystik, von beiden geschätzt. Auch wenn alle diese Einflüsse bei Luther durch seine reformatorische Entwicklung einen spezifisch reformatorischen Charakter annahmen und Luther später zur mystischen Tradition ein distanzierteres Verhältnis hatte, gibt es doch bei Luther wie bei der Devotio moderna und bei Thomas von Kempen auf der gemeinsamen Grundlage der Hl. Schrift wichtige gemeinsame geistliche Wurzeln und Quellen, die in der damaligen Situation auf Reform und Erneuerung drängten.
Was war diese Devotio moderna? Thomas von Kempen lernte sie schon früh kennen; als Subprior und Novizenmeister machte er das Stift Agnetenberg zu einem Zentrum dieser Frömmigkeitsbewegung. Sie war eine Laienbewegung, die nach einer den Laien angemessenen Frömmigkeitsform suchte. Ihr Gründer Gerhard Groote († 1384) war nicht Priester, sondern als Diakon Bußprediger gegen Verweltlichung und Konkubinat des Klerus, mangelnde Ordensdisziplin, gegen Veräußerlichung der Frömmigkeit. Wie später Thomas von Kempen übte er Kritik am damals veräußerlichten Stiftungs- Reliquien- und Wallfahrtenwesen (I.23; IV.30). Insgesamt stand die Devotio moderna im Zusammenhang mit der damaligen Bewegung der Gottesfreunde (besonders Jan van Ruysbroek). Sie erstrebte eine verinnerlichte Frömmigkeit in der Nachfolge Jesu. Nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde lebten ihre Anhänger in kleinen Gemeinschaften als Brüder und Schwestern vom Gemeinsamen Leben. Wegen ihrer Kopfbedeckung wurden sie auch Kugel- oder Kappenherren genannt.
Luther hat die Devotio moderna bereits als Vierzehnjähriger in Magdeburg kennen gelernt, wo er 1497 bei den Brüdern vom Gemeinsamen Leben wohl nicht in die Schule ging, aber im Konvikt lebte, also Kost und Logie hatte und geistlich betreut wurde. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten soll er bettelnd und singend durch die Domstadt an der Elbe gezogen sein. Gründlich kennen gelernt hat Luther Schriften der Devotio moderna erst später. In seinem Römerbriefkommentar (1515/16) nennt er deren Gründer Gerhard Groote (verwechselt ihn allerdings mit Geralt Zerboldt von Zutphen) und sagt, bei keinem anderen habe er eine so klare Bestimmung der Erbsünde gefunden wie bei ihm (WA 56,313). Luther hat diese Bewegung gekannt und auch geschätzt. Interessant ist, dass er, als Herford 1530-32 lutherisch wurde und das Bruderhaus wie alle anderen Klöster aufgehoben werden sollte, sich in einem eigenen Gutachten für dessen Erhalt einsetzte. „Wenn es um alle Klöster so stünde (wie um die Brüderhäuser) dann wäre die Kirche allzu selig schon in diesem Leben.“ Der Frömmigkeits- und Lebensstil der Brüderhäuser waren ihm also sympathisch. Aber die Nachfolge Christi des Thomas von Kempen hat er wohl nicht gelesen, zumindest zitiert er sie nirgends.
In den Brüderhäusern kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über Luther. Die Causa Luther spaltete sie. Einige Brüderhäuser traten zur Reformation über, so etwa Magdeburg, andere wie Zwolle widersetzten sich; in einigen Häusern wurde sogar ein eigenes Gefängnis für Überläufer eingerichtet. In einem Fall kam es zu einer besonders harten Auseinandersetzung. Die Brüderhäuser haben sich rasch auch bei uns in Württemberg ausgebreitet. Graf Eberhard hat sie vor allem in Urach und in Einsiedel im Schönbuch bei Tübingen angesiedelt. Der erste Propst in Einsiedel war Gabriel Biel († 1495), er war auch Inhaber des Lehrstuhls der via moderna an der 1477 neu gegründeten Universität Tübingen und zwei Mal Rektor der Universität. Mit ihm kam Luther nicht überein. Er stellte die These auf, der Mensch könne aus natürlichen Kräften Gott über alles lieben. Das bezeichnete Luther im Römerbriefkommentar (1515/16) als reinen Wahnsinn und schimpfte: „O ihr dummen Sautheologen!“ (WA 56, 274). Gabriel Biel war nun, wie die Thesen gegen die scholastische Theologie vom September 1517 (WA 1,224-326) zeigen, sozusagen sein theologischer Todfeind.
So gibt es bei der Devotio moderna und Thomas von Kempen einerseits und bei Luther andererseits wichtige gemeinsame Quellen und Parallelen, aber es gibt auch deutliche Unterschiede. Im Unterschied zu Luther finden wir bei Thomas von Kempen keine Kirchen- und keine Papstkritik, schon gar nicht polemischen Grobianismus. Er gehörte zu den Stillen im Lande. Er weiß zwar um den Verfall des klösterlichen Lebens seiner Zeit, kommt aber nicht wie Luther zu einer grundsätzlichen Klosterkritik, sondern will Klosterreform (I.3; 17f.; 19f.; 25 u.a.). Wir finden bei ihm bei aller Sympathie auch Antipathie und Konkurrenz und doch begrenzte Koalitionsfähigkeit (H. A. Obermann).
Diese gespaltene Verhältnis erklärt, dass die Nachfolge Christi in der Folgezeit eine doppelte Wirkungsgeschichte haben konnte. Einerseits wurde sie von dem bedeutendsten Repräsentanten der Gegenreformation, heute spricht man besser von der katholischen Reform, von Ignatius von Loyola († 1556) in dessen Exerzitienbüchlein für die zweite Exerzitienwoche zur Lektüre empfohlen (Nr. 100). Damit wurde die Nachfolge Christi zu dem Klassiker der katholischen Reform. Karl Borromäus, Philipp Neri, Petrus Canisius, Franz von Sales, später Johann Michael Sailer, John Henry Newman und viele andere schätzten sie. Da in ihr aber Kirche und kirchliche Heilsvermittlung außer im vierten Buch kaum eine Rolle spielen, konnte sie auch bei evangelischen Christen Aufnahme finden. Das geschah besonders im Pietismus, einer der Devotio moderna vergleichbaren innerevangelischen Erweckungsbewegung. Sie suchte aufgrund von nach institutionellen Verkrustungen und lehrhaften Verhärtungen im Luthertum nach innerlicher und persönlicher Glaubenserfahrung. Zu nennen sind Johann Arndt († 1621) und der Begründer des Pietismus, Pilipp Jakob Spener († 1705).
Nur auf zwei sehr unterschiedliche pietistischer Autoren kann ich eingehen. Zunächst der radikal-pietistische Gottfried Arnold († 1714). Er ist als Verfasser der „Unparteyischen Kirchen- und Ketzer-Historie“ (1699/70) bekannt, in der er die ganze Geschichte des Christentums als eine große Verfallsgeschichte darstellt, um neu am Urchristentum ohne Priestertum, ohne Dogmenzwang, ohne Hierarchie, ohne festgelegten Kult anzuknüpfen. In diesem Sinn veröffentlichte er „Thomas von Kempis Geistreiche, andächtige und erbauliche Schriften so wohl die Bücher von der Nachfolge Christi als dessen andere in 24 Büchern bestehende vortreffliche Betrachtungen“ (1712). Damit gab er der Nachfolge Christi eine Deutung im Sinn eines kirchen- und dogmenfreien Christentums. Das hatte einen überwältigenden Einfluss auf die gesamte neuzeitliche Entwicklung, auf S. Semler, G. E. Lessing, G. W. Leibniz, J. W. Goethe, F. Schleiermacher u.a. Sie alle haben die Nachfolge Christi geschätzt, sie aber jeweils in ihrem aufgeklärten oder anderswie modernen Sinn verstanden.
Für unseren Zusammenhang wichtiger ist die Rezeption der Nachfolge Christi durch Gerhard Tersteegen († 1769). Er ist nach dem viel gelesenen Buch „Große Heilige“ von Walter Nigg der Heilige im Protestantismus. Schon als junger Mann war so sehr von der Nachfolge Christi beeindruckt, dass er und seine Mitarbeiter sich daran machten sie ins Deutsche zu übersetzen. Sie arbeiteten von morgens 6 bis 11 Uhr, machten darauf eine Pause zum Gebet, von 13 bis 18 Uhr setzten sie die Arbeit fort, um abermals eine Stunde zum Gebet zu haben. So konnte Tersteegen eine Sammlung von 500 Sprüchen und Gebeten des Thomas von Kempen veröffentlichen, ein Büchlein, das bis ins 20. Jahrhundert häufig nachgedruckt wurde. Umgekehrt wirkte Teerstegen wieder in die katholische Kirche zurück. Von seinen vielen Liedern findet sich eines auch im katholischen Gotteslob „Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket ihr Engel in Chören; singet dem Herren, dem Heiland der Menschen zu Ehren“ (GL 144; EGB 41; oft auch „Gott ist gegenwärtig“ EGB 165). Ähnliches gilt vom Gründer der methodistischen Bewegung John Wesley († 1791). Die Nachfolge Christi hatte bei seiner Bekehrung maßgebenden Einfluss; im englischsprachigen Raum werden seine Lieder heute fast selbstverständlich auch bei katholischen Gottesdiensten gesungen. Es ist also ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein Austausch von Gaben, wie Johannes Paul II. den ökumenischen Dialog zutreffend beschrieben hat. Das geschieht nicht zuletzt durch die geistlichen Lieder von Martin Luther, Paul Gerhard, der Böhmischen Brüder u.a. sowie in der Musik von J. S. Bach. Es gibt nicht nur die disputierende, es gibt auch die singende Ökumene.
Die ökumenische Fortwirkung des Thomas von Kempen ist damit nicht zu Ende. Sie reicht auch bei evangelischen Christen bis in die Gegenwart. Zu nennen ist vor allem Dietrich Bonhoeffer. Er ist einer der eigenständigsten lutherischen Theologen des 20. Jahrhunderts, ein früher Vertreter der Ökumene, ein profiliertes Mitglied der Bekennenden Kirche und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. 1943 wurde er wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet, mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht und auf Befehl Hitlers am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg durch den Strang hingerichtet.
Bonhoeffer ging es nicht um reine Innerlichkeit, sondern um konkrete Nachfolge Jesu, auch um politische Verantwortung des Christen. Sein Buch „Nachfolge“ (1937) ist von Thomas von Kempen inspiriert. In dem schmalen Bändchen „Gemeinsames Leben“ (1939) reflektieret er seine Erfahrungen bei der Ausbildung angehender Pastoren für die Bekennende Kirche, also in einer bedrängten Zeit, im Predigerseminar in Finkenwalde (heute Teil von Stettin). Er lobt des Thomas Rat zur Sammlung, zu Stille und zum Schweigen (S. 67) und macht sich dessen Lob der Demut, die nichts aus sich selber macht, zu eigen (S. 81; 83). Schließlich geht aus seinen „Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft“ in „Widerstand und Ergebung“ (erstmals 1951) hervor, dass er in dieser schweren Zeit, in der er um die Frage rang, wie Christsein in einer weltlich gewordenen Welt, die ohne Gott auszukommen meint, möglich ist, die Imitatio Christi intensiv gelesen hat (Neuauflage 1970, S. 191; 196). Sein bekanntestes Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“, das er im Dezember 1944 im Gefängnis schrieb (ebd. S. 435f.; EGB 65) wird auch in katholischen Gottesdiensten gerne gesungen.
Neben Dietrich Bonhoeffer gibt es viele andere Christen, welche in schweren Stunden, aus der Imitatio Christi Kraft und Trost geschöpft haben. Der Jesuit Alfred Delp, ebenfalls Mitglied des Widerstands gegen Hitler, hat unmittelbar vor seiner Ermordung am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee die Imitatio Christi verlangt und gelesen. Bei dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der sich zum skandinavischen Luthertum bekannte und als ein moderner Mystiker gilt, fand man nach seinem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz am 18. September 1961 auf seinem Zimmer die Nachfolge Christi. Ein anderer Liebhaber der Nachfolge Christi war Papst Johannes XXIII. Er hat sie schon früh von seinem Heimatpfarrer geschenkt bekommen. In seinem Geistlichen Tagebuch schreibt er, sie sei ihm einer der kostbarste Schätze geblieben. In diesem Tagebuch bezieht sich darauf mehrere dutzend Mal. Oft wird gesagt, er habe eine konservative Frömmigkeit gehabt. Das stimmt, aber gerade aus dieser konservativen Frömmigkeit konnte er einen neuen Aufbruch und mit dem Konzil – wie er sagte – einen Sprung nach vorne wagen.
Damit sind wir in der Gegenwart angekommen. Wir haben gesehen, welchen ganz außerordentlichen Einfluss Thomas von Kempen nicht nur auf die katholische, sondern auch auf die evangelische Frömmigkeitsgeschichte und auf die moderne Geistesgeschichte hatte. Katholische und evangelische Christen besitzen ein reiches gemeinsames geistliches Erbe, das nicht nur Klosterleuten, sondern auch Weltleuten in schwierigen existentiellen Situationen etwas zu sagen hat. Fragen wir darum abschließend: Was können wir heute in unserer weltlich gewordenen Welt, die uns gemeinsam herausfordert, gemeinsam von Thomas von Kempen lernen und dann ökumenisch gemeinsam bezeugen?

III.
Erstens: Christsein bedeutet Nachfolge Christi. Jesus hat seine Jünger berufen: „Komm, folge mir nach!“ Solche Nachfolge bedeutet für Thomas von Kempen in der Tradition der Devotio moderna Freundschaft mit Jesus, die über alles geht (II.8f.). Das ist nicht erst für uns heute ein sperriges Thema sein. Denn wir suchen nicht Demut und Selbstverleugnung, sondern Selbstverwirklichung, Selbstdurchsetzung, aufrechten Gang. Doch immer weniger Menschen kommen mit sich selbst zurecht, sie leiden an sich selbst. Jesus macht uns von uns frei. Seine Wahrheit macht frei (II.6), frei von den vielen Meinungen (I.3), von dem was „man“ sagt und was „man“ tut. Er macht uns frei von Erwartungen und Ansprüchen. „Niemand ist mächtiger und niemand freier als der Mensch, der imstande ist, sich und alles zu verlassen und sich auf den untersten Platz zu setzen“ (II.12) „Große Freiheit des Geistes erreicht, wer um deines Namens willen den engen Weg beschreitet und alle weltliche Sorge vergisst“ (III.10).
Bei dieser Nachfolge Christi kommt es nicht auf hohe Spekulation, sondern auf das Tun an. „Was nützt es dir, Hohes über die Dreifaltigkeit zu reden, wenn du keine Demut hast und daher der Dreifaltigkeit nicht gefällst? Wahrlich, erhabene Worte machen nicht heilig und gerecht; aber ein gutes Leben macht dich Gott lieb. Ich möchte lieber reue empfinden, als ihr Wesen erklären zu können“ (I.1). Es geht auch nicht um außerordentliche sogenannte mystische Erfahrungen, Erleuchtungen, überschwängliches Gefühl, inneren Trost und dergleichen. In dieser Hinsicht ist Thomas von Kempen wie alle Heiligen sehr nüchtern und zurückhaltend (II.9). „Die geistlichen Tröstungen kann kein Mensch jederzeit nach seinem Willen genießen; denn die Zeit der Versuchung bleibt nicht lange aus.“ Ähnlich wie Luther heißt es, dass wir vor Gott „arm und bloß“ sind (II.10). „Muss man nicht alle Lohnknechte nennen, die immer nur Trost verlangen? Beweisen sie nicht, dass sie sich mehr als Christus lieben?“ (II.11). Wir sollen nicht auf die Gaben der Liebe, sondern die Liebe des Gebenden achten (III.6). Dazu hilft ein praktisches Christentum. Denn durch rechtes Tun hat man ein gutes Gewissen und ist man im Frieden (II.2; 6); damit erwirbt man sich ewig währende Freude (III.10).
Zwei Mittel auf dem Weg der Nachfolge legt uns Thomas ans Herz. Das Wort Christi in der Hl. Schrift und den Leib Christi im Sakrament. „Gebunden im Kerker des Leibes bekenne ich: Ich brauch zwei Dinge: Speise und Licht. Du hast mir, dem Kranken, deinen heiligen Leib zur Erquickung des Geistes und des Leibes gegeben, und vor meine Füße hast du dein Wort als Leuchte gestellt. Ohne diese beiden könnte ich nicht leben, denn das Wort Gottes ist das Licht meiner Seele und dein Sakrament ist das Brot meines Lebens. Man kann sie auch die zwei Tische nennen, die in der Schatzkammer der heiligen Kirche stehen, der eine hier der andere dort. Der eine ist der Tisch des heiligen Altars; der andre ist der Tisch des göttlichen Gesetzes, er enthält die heilige Lehre“ (IV.11). Bekanntlich hat das Konzil das Bild von den zwei Tischen aufgegriffen und das fromme, mit Gebet verbundene Lesen der Hl. Schrift empfohlen.
So sagt die Nachfolge Christi: „Wir sollen uns daher vor allem Mühe geben über das Leben Christi nachzudenken“ „Wer jedoch die Worte Christi vollkommen verstehen und Geschmack daran finden will, muss sich bemühen, sein ganzes Leben ihm nachzubilden“ (I.1). „Jede Schrift muss in dem Geist gelesen werden, in dem sie geschrieben wurde.“ Man soll in ihr mehr suchen, was uns nützt als die Feinheit des Ausdrucks.“ „Lies demütig, einfach und treu; und wünsche dir nie den Ruf der Gelehrsamkeit“ (I.5). Im vierten Buch spricht er dann ausführlich über den frommen und ehrfürchtigen, möglichst häufigen. (IV.3) Empfang der Kommunion. Es spricht von der erhabenen Würde des Priesterstandes die Rede (IV.5; 11,25ff.). Diese Passagen waren für die evangelische Rezeption sperrig, weil sie den konfessionellen Unterschied zum Ausdruck bringen. Heute könnten die Mahnungen zu einer gewissenhaften Vorbereitung und einem frommen Empfang der Kommunion auch vielen Katholiken nützlich sein. Die Nachfolge Christi sagt: „Viele folgen Jesus bis zum Brechen des Brotes, wenige aber bis zum Trinkens des Leidenskelches“ (II.11). Die schließt mit der Mahnung, man solle sich hüten, neugierig und nutzlos über dieses unergründliche Sakrament nachzugrübeln, man solle Streitfragen meiden und es statt dessen das Sakrament der Liebe fromm und demütig empfangen (IV.18).
Damit kommen wir zum zentralen Punkt der Nachfolge Christi. Mit dem Lesen und Studieren der Schrift und mit der sakramentalen Praxis allein ist es nicht getan, schon gar nicht mit äußerem Aktivismus und Aktionismus. „Ohne Liebe nützt ein äußeres Werk nichts“ (I.15). „Das Reich Gottes ist in euch.“ „Es kommt nicht mit äußerem Gepränge.“ (Lk 17,20f.) Es ist nicht Essen und Trinken; es ist Friede, Freude im Hl. Geist (Röm 14,17) (II.1). Das führt die Nachfolge Christi dazu im dritten Buch geradezu das hohe Lied der Gottesliebe zu singen. Es geht ihr um ein tief innerliches, persönliches Verhältnis der Gottesliebe, der Freude und des Ruhens in Gott (III.16; 21ff.). Damit steht sie in der Tradition der spätmittelalterlichen Mystik der Gottesfreunde. Wie sie und wie später Teresa von Avila († 1582) zieht Thomas die Folgerung: Gott allein genügt (II.5). Um seinetwillen muss man nach einem in der spätmittelalterlichen Mystik geläufigen Motiv alles andere lassen; das macht ruhig und auch im Leiden gelassen. „Bemühe dich daher, dein Herz von der Liebe zum Sichtbaren loszulösen und dich dem Unsichtbaren zuzuwenden“ (I.1; vgl. 15; III.42). „Selig die Augen, die für das Äußere verschlossen und auf das Innere gerichtet sind“ (III.1).
Damit steht die Nachfolge Christi in der Tradition des Augustinus, dem es um Gott und die Seele geht und um sonst nichts. Aber beim reifen Augustinus wird diese Einsicht durch die andere ausgeglichen, dass die Gemeinschaft mit Christus besonders in der Eucharistie die Gemeinschaft mit dem ganzen Christus (Christus totus), Christus dem Haupt und dem Leib Christi der Kirche einschließt. Damit ist die nach wie vor fundamentale personale Gottesbeziehung ekklesial integriert und eingebunden.
In der spätmittelalterlichen Mystik, auch der Nachfolge Christi, kommt diese ekklesiale Dimension wenig zum Ausdruck. Sie wurde erst in der Erneuerungsbewegung vor dem Konzil wieder entdeckt und vom II. Vatikanischen Konzil aufgegriffen. Dabei müssen wir heute uns von der Nachfolge Christi fragen lassen, ob wir nicht die Kirchen- und Gemeindedimension oft einseitig herausstellen und damit dem veräußerlichten Betrieb erliegen, den Thomas von Kempen und viele andere Meister des religiösen Lebens zu Recht kritisieren. Sind wir nicht einem pastoralen und liturgischen Aktionismus verfallen und haben wir darüber nicht die wesentliche theologische, oder nennen wir es einfach: die religiöse Dimension vergessen? Oft leiden wir an der Kirche, weil wir zu viel von ihr erwarten. Mit allen noch so notwendigen Reformen wird die Kirche nie das vollendete Reich Gottes sein. Sie ist kein Selbstzweck, sondern als quasi-sakramentales Zeichen nur Mittel zum Zweck. Sie soll uns zu Gott hinführen und uns am Leben Gottes teilhaftig machen. Die Kirche ist in der Bildersprache der Kirchenväter nur der Mond, der kein eigenes Licht hat, sondern nur das Licht wider strahlt, das er von der Sonne geborgt hat. Es ist die Stärke der Nachfolge Christi, uns in einer Zeit, da die Kirche an noch viel schlimmeren Gebrechen litt als sie es heute tut, wieder auf die rechte Ordnung der Dinge und auf das hinzuweisen, worauf es am Ende allein ankommt: die Liebe.
Die Tatsache, dass die Nachfolge Christi von einem Mönch für Mönche geschrieben ist, hat freilich ihren Preis. Denn wenn Gott alles in allem ist, dann kann man Gott in allen Dingen finden. Das kommt in der Nachfolge Christi nur beiläufig zum Ausdruck (II.4). Dass man den anderen um Gottes willen lieben soll, fehlt selbstverständlich nicht (I.7; 15; 19; II.8), ist aber aufs Ganze gesehen zu kurz gegriffen. An dieser Stelle ist Ignatius von Loyola, obwohl er die Imitatio Christi geschätzt hat, über sie hinausgegangen. Für ihn bilden kontemplativen Einkehr und aktive Hinkehr zum Apostolat eine Einheit. Seine Botschaft lautet: Gott in allen Dingen finden. Noch einen Schritt weiter ging die hl. Thérèse von Lisieux. Auch sie schätzte die Imitatio Christi. Sie hat den Schlüssel ihrer Berufung in der Liebe gefunden, mit der sie alle Welt umfassen und aus den Angeln heben wollte. So konnte sie, obwohl sie den Karmel nach ihrem Eintritt nie verlassen hat, Patronin der Mission werden. In anderer Weise haben die großen Vorbilder der Caritas wie Mutter Teresa und nochmals anders Männer wie Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp und Dag Hammarskjöld die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe gelebt und dabei aus der Imitatio Christi Kraft geschöpft.
Diese Kraft konnten schon unzählige Christen in der Welt in der Nachfolge Christi erfahren. So wie sich Jesus immer wieder zum einsamen nächtlichen Gebet zurückgezogen hat, so braucht der Christ im Lärm des Alltags immer wieder Stille, Einsamkeit, Sammlung (I.20). Darauf sind gerade wir in unserer dürftigen, hektisch gewordenen Welt angewiesen, wenn wir nicht innerlich austrocknen, verdursten und verhungern wollen. Nur aus der Sammlung heraus können wir uns in die Welt hinaus senden lassen. Sammlung und Sendung gehören zusammen.
Die Nachfolge Christi hat uns ein reiches geistliches Erbe als Kraftquelle für den Alltag geschenkt. Auch für die Ökumene kann sie uns Quelle der Inspiration sein. Wir haben allen Grund, uns das gemeinsame ökumenische Erbe, das uns da geschenkt ist, neu anzueignen. Nur dann werden wir weiterkommen. Die geistliche Ökumene ist das Herz und die Seele der ökumenischen Bewegung; sie ist das Gebot der Stunde. Thomas von Kempen kann uns auf diesem ökumenischen Weg wie kein anderer ein guter Helfer und ein treuer Begleiter sein.


 

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