„Es ist etwas gewachsen, hinter das man nicht zurückgehen kann.“

Predigt bei der Feier des 20. Jahrestags der Bischofsweihe im Dom zu Rottenburg am Neckar

I.
Es ist für mich eine große Freude, heute hier im Dom zu Rottenburg, wo ich vor 20 Jahren zum Bischof geweiht wurde, auf Einladung von Bischof Gebhard Fürst Eucharistie feiern zu können. Ich grüße Sie alle ganz herzlich und danke Ihnen, dass Sie gekommen sind um mit mir Eucharistie zu feiern und Dank zu sagen für 20 Jahre Bischof, danken auch für alles, was er in diesen 20 Jahren mit Gottes Hilfe möglich war.
Zwar bin ich offiziell nur noch Bischof emeritus von Rottenburg-Stuttgart, aber als Bischof ist man nie wirklich emeritiert. Rottenburg-Stuttgart ist die Diözese, in der ich aufgewachsen und groß geworden bin, der ich unendlich viel verdanke, und der ich mich als Bischof bleibend verbunden fühle. Wenn in Rom Bischöfe aus aller Welt kommen und um Rat fragen, dann erzähle ich ihnen oft, wie wir’s in Rottenburg-Stuttgart gemacht haben; das kommt immer an.
So würde ich am liebsten jeden einzelnen von Ihnen persönlich begrüßen, besonders die Priester, sie sind ja die wichtigsten Mitarbeiter des Bischofs; das Konzil nennt sie nicht nur Mitarbeiter sondern auch Freunde des Bischofs. Besonders begrüßen möchte ich die etwa 150 Priester, denen ich während meiner Zeit als Bischof die Hände auflegen und zu Priestern weihen durfte. Ich grüße die ehemaligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Bischöflichen Ordinariat, und ich grüße einfach Sie alle. Es geht mir wie dem Apostel Paulus, der an seine Gemeinden schrieb: „Ihr seid mir alle lieb geworden“; „ich habe euch alle ins Herz geschlossen“.
Ein besonderer Gruß gilt Landsbischof Frank July. Vor 20 Jahren war Ihr verehrter Vorgänger, Bischof Theo Sorg hier. Es freut mich, dass Sie die Tradition des guten und vorbildlichen ökumenischen Miteinanders hier in Württemberg fortsetzen.

II.
Wenn ich an die Bischofsweihe vor 20 Jahren zurückdenke, dann sind es vor allem zwei Dinge, die mir haften geblieben sind. Zuerst, wie ich zu Beginn der Feier am Boden lag und die versammelte Gemeinde während dessen alle Heiligen angerufen hat, damit es doch ja gut gehe. Viele meinen, Bischof, das sei etwas ganz Hochgestelltes, Hochansehnliches, Würdevolles. Nein, da liegt man zunächst einfach am Boden. Im übrigen nicht nur am Anfang, sondern immer wieder.
Dann werden dem zu weihenden Bischof die Hände aufgelegt und der Hl. Geist, der Geist der Führung, wie es in der Weihepräfation heißt, herab gerufen. Bischof, dazu macht man sich nicht selber; dazu wird auch nicht nur gewählt und ernannt. In der Lesung aus dem Epheserbrief haben wir gehört, dass es der erhöhte Herr selbst ist, der das Hirtenamt gibt; er ist der eigentliche Bischof und Hohepriester. Wir sind nur unnütze Knechte.
Im Laufe der letzten 20 Jahren hatte ich, besonders wenn es eng wurde, oft Grund, mich auf die Handauflegung und die Zusage des Geistes Gottes zurückzubesinnen, mich daran festzuhalten und aufzurichten. Dann war ich dankbar, dass es Menschen gibt, die mitdenken und mitsorgen, vor allem aber Menschen, die mitbeten, und denen möchte ich heute ganz besonders danken. Sie sind meine wichtigsten Mitarbeiter.

III.
Ein zweiter Ritus ist mir im Gedächtnis haften geblieben. Nach der Handauflegung wurde mir das Evangelienbuch auf die Schultern gelegt. Das hat man damals fast vergessen. Domkapitular Werner Groß, unser Liturgiefachmann, musste schnell eingreifen. Zum Glück, denn dieser Ritus war und ist mir besonders wichtig. In meiner Predigt habe ich damals gesagt, es sei die erste Aufgabe des Bischofs, in der Nachfolge der Apostel und in ihrer Spur das Evangelium zu verkünden – ohne Zusätze, aber auch ohne Abstriche – gelegen und auch ungelegen. „Geht hinaus in die ganze Welt…, und verkündet …“, so haben wir es soeben nochmals gehört.
Besonders in der gegenwärtigen Orientierungskrise gibt es für einen Bischof nichts Vordringlicheres als die frohe Botschaft zu verkünden. Wer hat uns denn Besseres zu sagen? Es gibt darum für den Bischof nichts Wichtigeres als dafür zu sorgen, dass es recht und im Sinn des gemeinsamen Glaubens der Kirche verkündet wird.
Die „Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation“, war bereits das Anliegen meines hoch verehrten Vorgängers, Bischof Georg Moser, an dessen Freundschaft ich gerne zurückdenke. Ich habe sein Anliegen aufgegriffen; es ist heute noch dringender als damals. Gewiss, wir müssen missionarische Gemeinden sein, aber damit Gemeinden evangelisierende Gemeinden sein können, müssen sie zuvor selber evangelisiert sein. Jeder, der offene Augen hat, weiß: Europa braucht eine neue Evangelisierung, und Deutschland braucht eine grundlegende Erneuerung der Katechese als ganzheitliche Hinführung zu Jesus Christus und zum Glauben der Kirche. Ohne ihn hängst alles andere in der Luft und hat keinen Bestand.
Die Wahrheit des Evangeliums ist keine abstrakte Doktrin, es ist Botschaft vom Leben, es ist Licht des Lebens. Das Wort Gottes ist in Jesus Christus Fleisch geworden, und es will immer wieder neu Fleisch werden durch uns. Daher gilt es die Wahrheit in der Liebe zu tun. Ich habe mir das als Motto meines bischöflichen Dienstes gewählt. Es gilt sich einzusetzen für den Schutz des Lebens, für eine neue Kultur des Lebens, in der Familie vor allem und ebenso im wirtschaftlichen Lebens, wo wir gegenwärtig so deutlich spüren, dass wir eine neue Orientierung brauchen an dem, was wirkliche Werte und Werte für alle in dieser Gesellschaft sind. Das Evangelium ist darum vorrangig eine Botschaft für die Schwachen und der Hilfe Bedürftigen hier bei uns und überall in der Welt.
Wenn ich herumkomme, dann erfahre ich immer wieder: Der Einsatz der Diözese für Mission und Entwicklung hat ihr Ansehen in der Weltkirche verschafft und ist zum ihrem Markenzeichen geworden. Wir können uns auch und gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht nur um unsere eigenen Probleme kümmern; wir sind Weltkirche und müssen Kirche im Weltmaßstab sein. Deshalb nochmals: „Geht hinaus in alle Welt…“


IV.
Nun noch zu dem, was mir als Bischof am meisten Freude bereitet hat. Gewiss das Predigen, aber am meisten Freude gemacht hat mir die Feier der Eucharistie, die großen und feierlichen Gottesdienste hier im Dom und in der Konkathedrale in Stuttgart, die unsere beiden Domchöre musikalisch immer so gut gestalten, und die Gottesdienste bei den Gemeindebesuchen, wenn’s irgendwie ging jeden Sonntag und an vielen Werktagen. Ungefähr 500 Gemeinden konnte ich besuchen, manche mehrfach. Als ich dann am ersten Sonntag in Rom nur eine Privatmesse hielt, war’s mir buchstäblich zum Heulen; so sehr hat mir das gefehlt, so sehr habt Ihr mir alle gefehlt.
Die Eucharistiefeier ist Mitte und Höhepunkt im Leben der Kirche und jedes Christen, auch in meinem persönlichen Leben. Jeden Morgen sind Sie mit dabei. Die Feier der Eucharistie kann durch nichts anderes ersetzt werden. Dazu habe ich gegen Ende meines bischöflichen Dienstes einen Hirtenbrief geschrieben; was ich damals gesagt habe, liegt mir noch heute am Herzen. Es gibt nichts wichtigeres für jeden Christen, für jede Pfarrei oder Pfarreigemeinschaft als jeden Sonntag Eucharistie zu feiern, sie in der Gemeinschaft und in der Ordnung der Kirche zu feiern. Wir brauchen eine neue Sonntagskultur, bei der der Sonntag nicht säkularisiertes Wochenende ist sondern am Anfang der Woche und als deren Vorzeichen steht. Eine aus dem Geist des Evangeliums erneuerte Kultur, die wir brauchen, fängt bei einer eucharistischen Sonntagskultur an.

V.
Die Freude mit Gemeinden der Diözese Eucharistie zu feiern habe ich aufgeben müssen als ich vor 10 Jahren vom Neckar an den Tiber zog. Ich habe aber auch viel dazu gewonnen. Ich bin Christen, Bischöfen, Pastoren, Theologen und Laien aus den verschiedensten nichtkatholischen Kirchen in aller Welt begegnet und habe gespürt, dass der Geist Gottes auch außerhalb der Mauern der katholischen Kirche weht und wirkt und zur Einheit am einen Tisch des Herrn drängt. Auch ich leide darunter, dass dies heute noch nicht möglich ist, und ich tue mein Möglichstes, dass dies im einen gemeinsamen Glauben möglich wird.
In diesen 10 Jahren habe ich ebenfalls erfahren was Weltkirche ist. Selbstverständlich weiß ich um all die Kritik an der Kirche, die berechtigte und die weniger berechtigte. Selbstverständlich weiß ich um notwendige Erneuerungen. Ich habe dies in Rom nicht vergessen. Aber ich weiß auch aus der Erfahrung von 10 Jahren Bischof in dieser Diözese und 10 Jahren Rom und weltweit: Die Kirche lebt, sie wächst, sie ist jung und ist lebendig, und es tut gut, zu dieser weltweiten katholischen Kirche zu gehören.
So kann ich auch nach der Erfahrung von 20 Jahren wiederholen, was ich vor 20 Jahren an dieser Stelle gesagt habe: Ich liebe diese Kirche. Ich danke Gott, dass er mich zum Dienst in der Kirche berufen hat. Ich bedauere es keinen Augenblick, dass ich dazu als junger Mensch mit nur 24 Jahren und nochmals vor 20 Jahren mein Adsum, mein Ja gesprochen habe. Ich würde es wieder tun.
Feiern wir also zusammen Eucharistie, als Dank an den, der der Herr der Kirche ist und für den wir Bischöfe nur armselige Werkzeuge sind. Feiern wir Eucharistie als Dank für alles, was in diesen 20 Jahren mit Gottes Hilfe zum Dienst am Heil von Menschen und für die Einheit aller Christen möglich war. Sagen wir Dank für all das Gute, das Gott in dieser Diözese Rottenburg-Stuttgart wirkt. Lasset uns danken dem Herrn unserm Gott! So ist es würdig und recht. Amen.

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