Meister Eckhart Lese- und Lebemeister
Predigt in der Predigerkirche in Erfurt am 6. Juli 2013


Schwestern und Brüder in Christus!

Es ist für mich tief bewegend, heute Abend hier in der Predigerkirche von Erfurt über einen zu predigen, der vor rund 700 Jahren hier in dieser Kirche seine Zuhörer mit seiner mitreißenden Sprache begeistert hat. Die Menschen damals lebten in nicht weniger schwierigen Zeiten wie wir heute. Ganz im Gegenteil! Sie waren von Naturkatastrophen heimgesucht; der schwarze Tod, die Pest, ging um. Im Reich war die kaiserlose, rechtlose, schreckliche Zeit. Der Papst befand sich in der babylonischen Gefangenschaft in Avignon. In der Kirche wurden Forderungen nach Reformen an Haupt und Gliedern laut. Die Leute suchten nach Orientierung. Die Kirche musste neue Wege gehen.

Bei Meister Eckhart spürten die Leute: Da spricht einer, der nicht nur in Paris und in Köln gelehrte Vorlesungen halten kann; er ist einer, der etwas für das Leben zu sagen hat. Er ist nicht nur ein Lehr- und Lesemeister; er ist ein wahrer Lebemeister. Das wird gleich in der ersten Predigt aus der Sammlung seiner deutschen Predigten deutlich. Sie handelt von der biblischen Geschichte der Tempelreinigung Jesu (Mt 21,12-17; Joh 2,13-22), die wie soeben gehört haben. Von dieser Predigt Eckarts möchte ich heute Abend ausgehen.

I.
Die Evangelien berichten, dass Jesus nach seinem Einzug in Jerusalem in den Tempel ging, dann am anderen Tag zurückkam. Er sah die Händler und Kaufleute, die im Vorhof des Tempels ihre Geschäfte machten. Dieser Betrieb war Jesus zuwider. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb alle die Händler, dazu die Schafe und Rinder, aus dem Tempel hinaus; die Tische der Geldwechsler stieß er um und forderte die Taubenhändler auf: Schafft das hier weg! Als man ihn fragte, mit welchem Recht er das tue, zitiert er den Propheten Jeremias: „Mein Haus soll ein Haus des Gebets sein für alle Völker. Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht“ (Jer 7,11).

Manche meinten schon, Jesus sei ein politischer Revolutionär gewesen und habe im Tempel einen Aufruhr veranlasst. Das passt nicht in das Bild, das die Evangelisten von Jesus zeichnen. In der Bergpredigt hat Jesus die Sanftmütigen, die Gewaltlosen und die Friedenstifter seliggepriesen (Mt 5,4.5.9). Sich selbst hat er als sanftmütig und demütig von Herzen bezeichnet (Mt 11,19). Aber verharmlosen darf man die Geschichte trotzdem nicht. Jesus will nicht nur ein paar Missbräuche abstellen, sonst aber alles beim Alten lassen. Sicher, Reformen sind auch für die Kirche immer wieder notwendig. Meister Eckhart selbst hat von Hamburg bis Prag viele Klöster visitiert und reformiert.

Aber wie Jesus wusste er: einfach dreinschlagen und auf andere draufschlagen ist zu billig; die Ursachen liegen tiefer. Wie Jesus ging es auch Eckhart um das Herz der Menschen. Er wusste, im Herzen haben all die bösen Dinge, die bösen Gedanken, Diebstahl Mord, Habgier, Hinterlist, Verleumdung ihren Ursprung (Mk 7,21f.). Im eigenen Herzen gilt es, anzusetzen. „Wir sind die Ursache“, sagt Eckhart. „Hüte dich vor dir selber, so hast du gut gehütet“ (Deutsche Predigten und Traktate, hg. v. J. Quint, 177). Der der Tempel Gottes, das sind nach Paulus wir selbst (1 Kor 3,17). Die Tempelreinigung muss darum im eigenen Herzen beginnen.

II.
Damit stehen wir bereits beim Grundanliegen Meister Eckharts. Er geht nicht den Weg äußerer Vorschriften; er geht den Weg nach innen. Bei diesem Weg nach innen, in den inneren Tempel des eigenen Herzens, entdeckt Ekkehart das, was er das Seelenfünklein nannte. Dieses Wort ist uns heute nicht geläufig; dahinter steht aber ein biblischer Gedanke. Gleich am Anfang seiner Predigt erklärt es uns Eckhart, indem er auf die erste Seite der Bibel verweist, wo gesagt wird, dass Gott den Menschen, und das heißt: jeden Menschen, nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat (Gen 1,26f.). Jeder Mensch ist in seiner Tiefe von Gott berührt; in jedem Menschen hat Gott seine Spur, sein Bild hinterlassen und es wie in einem Tempel aufgestellt. So ist jeder Mensch Gott auf ganz einmalige Weise lieb und wichtig. An einer anderen Stelle sagt Eckhart: So sehr wir auch Gott zugetan sind, wir dürfen gewiss sein, dass er uns ungleich mehr zugetan ist und uns vertraut. Er ist unser Freund (S. 75).

Dass jeder Mensch Bild und Tempel Gottes ist, macht die Größe des Menschen aus, die ihn weit über alle anderen Geschöpfe hinaushebt und ihm einen einmaligen Adel, heute sagen wir, eine einmalige und unantastbare Würde verleiht. Man mag ihn noch so schlecht behandeln, ihn heruntersetzen, demütigen, schänden und misshandeln; vor Gott behält jeder seine Würde, und dies unabhängig von seiner Hautfarbe, seiner Volkszugehörigkeit, Kultur, Sprache, seinem Geschlecht und seiner Religion. Jeder ist Tempel Gottes.

Aber Ekkehart ist ein Realist. Er weiß: Dieser innerste heilige Ort im Menschen kann verstellt sein durch allerlei Gerümpel. Geld und Besitz, weltliche Interessen, böse und niedrige Gedanken können in uns so sehr die Oberhand gewinnen, dass für Gott kein Platz mehr ist. Wir können so sehr an uns selber hängen, an uns selbst gebunden und in uns selbst verkrümmt sein, dass Gott – um es mit Nietzsches zu sagen – für uns tot ist, dass er einfach weg ist und nicht mehr zu existieren scheint. Der Mensch kann unter seiner Würde leben und das Heiligste vergessen, verdrängen, ausschließen. Eckhart fügt freilich hinzu: Wir können Gott zwar hinauswerfen; Gott aber geht nimmer in die Ferne; er wartet dann vor der Tür (S. 78). Wir können Gott vergessen, er vergisst uns nie; er wartet auf uns.

Sie spüren: Das sind keine Gedanken, die nur vor 700 Jahren aktuell waren; sie sind auch heute aktuell, heute vielleicht sogar mehr als damals. Eckhart konfrontiert uns mit dem Uranliegen Jesu: Kehrt um! Denkt um! Macht in eurem Leben Platz für Gott! Mensch, werde wesentlich! Leb nicht unter deinen Möglichkeiten! Erkenne deine Würde! Erkenne: Gott wartet auf dich. Bei ihm hast du immer eine Chance. Er ist treu, und er ist barmherzig.

III.
Bei diesem Ruf zur Umkehr und Einkehr geht es Eckhart nicht nur um die groben Sünden. Ekkehart ist ein feiner Seelenkenner, ein Psychoanalytiker würden wir heute vielleicht sagen; er durchschaut auch die geheimen Wünsche unserer Seele. Er kennt auch die Versuchungen der frommen Seelen, oder wie er sagt, der guten Leute, die Gott durch gute Werke wie Fasten, Wachen, Beten und Bußübungen aller Art einen Gefallen tun wollen und dafür mit Belohnung rechnen. Diese guten Leute vergleicht Eckhart mit den Kaufleuten im Tempel. Sie wollen mit Gott markten und einen Handel eingehen. Eckhart nennt sie sehr törichte Leute, die nichts verstehen; in einer anderen Predigt bezeichnet er sie einfach als Esel (S. 304).

Warum? Eckhart macht klar, dass wir Gott ja gar nichts geben können. Alles was wir sind und was wir haben, das sind und haben wir von ihm. Umgekehrt ist Gott uns nichts schuldig, es sei denn, er will es freiwillig aus Gnade. Darum sagt Eckhart: Wenn Gott in die Seele kommt, dann vertreibt er die Kaufleute, dann ist es aus mit dem frommen Kauf- und Kuhhandel. „Gott sucht das Seine nicht; in allen seinen Werken ist er ledig und frei und wirkt sie aus echter Liebe.“ Und wenn der Menschen mit Gott, der frei und ledig ist, vereint ist, dann ist auch er ledig und frei in allen seinen Werken und wirkt sie allein Gott zu Ehren und Gott wirkt es in ihm. Allein wenn wir den frommen Kaufmannsgeist aufgeben, ist Gott ganz in uns, und wir sind ledig und frei. Der freie Gott will den freien Menschen. Gott befreit den Menschen, auch von der Anhänglichkeit an sich selbst.

Wer wollte bei solchen Aussagen nicht an Martin Luther und seine Kritik an den guten Werken denken, durch die wir meinen, uns den Himmel verdienen zu können; an Luthers Botschaft, dass wir nicht aufgrund der Werke, sondern allein aus Gnade selig werden. Luther hat die Schriften von Meister Eckhart wohl nicht gelesen, aber er kannte Eckarts Ideen durch ein Buch eines Frankfurter Deutschordensherrn „Theologie deutsch“. Auch die Schriften eines anderen Mystikers in der Tradition Eckharts, Johannes Tauler, hat der junge Luther gelesen und herausgegeben.

Die mystische Tradition ist also nicht nur katholisch; sie hat auch den jungen Luther wie das spätere Luthertum, den Pietismus bis hin zum Vater der modernen lutherischen Theologie, Friedrich Schleiermacher, geprägt. Heute haben wir allen Grund diese gemeinsame Tradition, die bis in die Bibel und bis zu den Kirchenvätern zurückgeht, wieder zu entdecken und sie gemeinsam zu bezeugen. Wir können es uns heute nicht leisten, gegeneinander oder auch nur nebeneinander zu stehen: Gemeinsam müssen wir vor einer Welt, die meint, ohne Gott auszukommen, von dem Gott Zeugnis geben, der sich auf keinen Kuhhandel einlässt, der unseren inneren Tempel reinigt und uns frei macht, frei auch von den Bindungen an uns selbst.

IV.
Die Tempelreinigung ist freilich nur das eine, das Platzmachen für Gott das andere. Eckharts sieht den Menschen nicht nur am Anfang seiner Existenz radikal von Gott her; wir Menschen sind in jedem Augenblick unserer Existenz von Gott gehalten, oder – wie Eckhart sagt – aus Gott geboren. Wie Jesus Christus vor aller Zeit und in jedem Augenblick seiner Existenz ganz aus Gott seinem Vater ist, so verhält es sich in jedem Menschen. Wie Jesus alles, was er ist, in jedem Augenblick aus dem Vater empfängt, so auch die Seele. Aus sich selbst ist sie nichts, alles ist sie aus Gott.

Diese Gottesgeburt in der Seele ist Eckharts zentrales Thema, das er immer wieder umkreist. Uns Heutigen scheint dieser Gedanke fremd und sehr weit weg zu sein. Doch Eckhart hat ihn nicht erst erfunden. Er hat ihn bei den Kirchenvätern, besonders bei Origenes, gefunden. Damit will Eckhart die Heilsgeschichte, die Menschwerdung Gottes vor 2000 Jahren in den Menschen in uns hereinholen; er will sagen: sie geschieht heute aktuell in uns. Das ist eine Aussage, die damals wie heute Missverständnisse ausgelöst hat, so als wolle Eckhart Gott und Menschen vermischen und vermengen. In der Predigt zur Tempelreinigung hat Eckhart offenbar selbst gespürt, dass er das noch etwas klären muss. So unterscheidet er klar zwischen den Geschöpfen und dem unerschaffenen Gott. Er will die Freiheit beider wahren. Aber er will auch sagen: Gott ist keine starre statische Wirklichkeit, die fern von uns irgendwo über den Wolken existiert; er ist eine dynamische Wirklichkeit. Er wirkt in jedem Menschen. Gott ist wie eine sprudelnde heiße Quelle, die gleichsam überkocht und sich verströmt. Gott ist Liebe (1 Joh 4,8.16).

Was uns Eckhart damit sagen will, hat 200 Jahre später der schlesische Dichter Angelus Silesius formuliert: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ Dieses Wort findet sich fast wörtlich auch bei Ekkehart (H. Rahner, S. 29), und es findet sich bis heute in vielen katholischen wie evangelischen Weihnachtspredigten. Gott schenkt uns nicht etwas, er schenkt sich uns selbst, er gibt sich und wird unser ein und alles. Darum kann man an ihm nie genug haben; hätten wir genug, so wäre es nicht Gott, an dem wir genug haben (S. 353f.). Mit Gott sind wir nie fertig; er ist nie der alte Gott von gestern und vorgestern; er ist ewig jung (S. 352).

Weil Gott, wenn der innere Tempel gereinigt ist, in uns ist und wirkt, sind wir nicht nur Tempel Gottes, der Himmel selbst ist in uns. Eckhart bemüht sich in seiner Predigt, den ganzen Reichtum und die Schönheit des Glaubens, die wir heute wieder entdecken müssen, darzulegen. Hören wir ihn: „Jesus offenbart sich mit unermesslicher Süßigkeit und Fülle, die herausquillt aus des Heiligen Geistes Kraft und überquillt und einströmt mit überfließend reicher Fülle und Süßigkeit in alle empfänglichen Herzen.“ Ja, die Seele selber fließt dann über sich und über alle Dinge hinaus zurück in ihren ersten Ursprung. Dann lebt der Mensch im steten Frieden und innerer Trost erfüllt ihn. Früher hätte man das Gottseligkeit genannt. Das klingt für uns heute altbacken und süßlich. Sagen wir darum einfach: Christsein schenkt uns inneren Frieden; Christsein ist schön.

V.
Aber nun aufgepasst! Wir wären auf der völlig falschen Spur, würden wir meinen, Eckhart würde in der Gottseligkeit geradezu schwelgen, er wäre gleichsam trunken von Gottes Gegenwart. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, er tut alles, um seinen Zuhörern solchen frommen Gefühlsdusel auszureden. Er spricht vom Abgrund und von der Wüste der Gottheit. Er sagt, man müsse sich von allen Vorstellungen von Gott frei machen. Gott ist für unsere Vorstellung geradezu ein Nichts. Er erinnert er an die Bergpredigt „Selig sind die arm sind im Geist“ (Mt 5,3). Das ist bei Eckhart kein Lob der Dummheit, sondern ein Lob der Demut, die nichts von sich hält und die weiß, dass sie vor Gott nichts ist und von Gott letztlich nichts weiß. Die Seele wird – sagt Eckhart – wenn sie in die das unvermischte Licht Gottes kommt, zunichte, sie hat nichts, will nichts und weiß nichts; sie ist ein Nichts. Nur wenn sie sich ganz zur Stätte von Gottes Wirken macht, wird sie durch Gott ein etwas. Durch Gott und in Gott kehrt sie in ihren ersten Ursprung zurück.

Das sind schwierige Gedanken; es sind aber biblische Gedanken. Auch in der Bibel lesen wir: Durch das Absterben des alten Menschen werden wir eine neue Schöpfung, welche die alte Schöpfung zur Vollendung bringt. Die Vollendung geht durch das Loslassen aller Dinge und seiner selbst, sie geht durch ein Sterben hindurch. Diese Gelassenheit, wie Eckhart es nennt, ist für ihn die wichtigste Grundhaltung des Christen. Gelassenheit ist die wahre Freiheit, die Gott in allen Dingen, in Freud und Leid erkennt und annimmt. Sie ist frei von der endenden Hektik, von der ständigen Lebensangst, von der Friedlosigkeit und von der Traurigkeit der Welt (2 Kor 7,10); sie schenkt inneren Frieden und innere Freude. Und was bräuchten wir heute mehr als dies!?

Aber wiederum ist Ekkehart Realist. Er spricht nicht nur von der inneren Armut; er kennt auch die äußere Armut sehr vieler Menschen. In einer Predigt legt er die bekannte Geschichte der beiden mit Jesus befreundeten Schwestern Maria und Martha aus (Lk 10,38-42) (280 ff.). Dort beklagt sich Martha über ihre Schwester Maria, die Jesus zu Füßen sitzt und ihm zuhört, während sie den Haushalt machen und die Gäste bedienen muss

Jesus antwortet: „Martha, Martha, du machst dir Sorgen und Mühen um viele Dinge. Nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt.“ Diese Antwort haben die frommen Schwestern von damals gerne gehört; viele Lehrer des christlichen Lebens haben ihnen beigebracht, dass ihr kontemplatives klösterliches Leben höher stehe sei als das der Weltchristen, die sich um die tägliche Arbeit kümmern müssen. Eckhart nimmt eine deutliche Kurskorrektur vor. Er nimmt seinen frommen Zuhörerinnen ihre allzu fromme Brille von der Nase, öffnet ihnen die Augen und sagt, man dürfe Maria und Martha nicht gegeneinander ausspielen. Sie ergänzen einander und gehören zusammen. Die Klosterfrauen dürfen sich nichts auf ihr kontemplatives Leben im Kloster einbilden und sich nicht über die sogenannten Weltchristen erhaben fühlen. Auch das ist Tempelreinigung. Eckhart hat damit eine neue Welt- und Laienfrömmigkeit begründet. Er sagt: Wäre der Mensch in noch so großer Verzückung und wüsste er einen kranken Menschen, der eines Süpplein von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe“ (S. 67).

Das ist Originalton Jesu! Der Evangelist Matthäus berichtet, wie nach der Tempelreinigung Kranke, Lahme und Blinde zu Jesus in den Tempel kamen und wie er sie heilte (Mt 21,14). Jesu Tempelreinigung geschieht nicht mit Gewalt; sie geschieht durch heilende Güte. „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“, so zitiert Jesus den Propheten Hosea (Mt 9,13; 12,7; vgl. Hos 6,6). Barmherzigkeit, misericordia, heißt: ein Herz (cor) für die die Armen (miseri) haben, denen es mies geht. Das ist nicht Rückzug aus der Welt, sondern Ruf in die Welt. Hinausgehen aus sich ist die wahre Freiheit. Fromme Selbstbezogenheit dagegen macht krank, psychotisch und autistisch. Die Liebe dagegen ist edel, weil sie allumfassend ist (S.170).

VI.
Ekkehart stellt unser Christsein vom Kopf auf die Füße. Ihm geht es nicht um den gedachten Gott, sondern um den wesenhaften Gott, den wir in allen Dingen finden (S. 60 u.a.). Damit hat Eckhart eine Laienfrömmigkeit für das damals neu heraufziehende bürgerliche Zeitalter grundgelegt. Er hat den Laien etwas zugetraut. Das war damals neu und nicht ungefährlich. Eckhart hat das gegen Ende seines Lebens Konflikte mit der kirchlichen Autorität eingetragen. Der damalige Erzbischof von Köln, Heinrich II. von Virneburg, war besorgt und sah Gefahr im Verzug, Eckhart könne mit seinen Predigten vor dem ungebildeten Volk Verwirrung stiften. So hat er schließlich durchgesetzt, dass nicht Eckhart als Person, dass aber eine Reihe seiner Thesen verurteilt wurden.

Gewiss, wenn man diese Thesen aus dem Zusammenhang reißt, klingen sie missverständlich und provozierend. Isoliert betrachtet können manche geradezu atheistisch interpretiert werden. Dass Eckhart sie so nicht gemeint hat, ist offensichtlich. Er will nicht von Jesus Christus weg, er will neu zu ihm hinführen. Er will wie zuvor Franziskus und sein Ordensvater Dominikus zum Ursprung, zu Jesus Christus zurück. Er will etwas sagen, was allen ernsthaften Christen gemeinsam ist und will so Brücken bauen zu allen Menschen guten Willens.

Eckhart lädt uns zum Dialog auch mit Nichtchristen ein. Er selbst hat wie sein Meister Thomas von Aquin viel von damaligen islamischen arabischen Denkern gelernt; heute wird er von vielen Buddhisten hochgeschätzt. Natürlich kann man die verschiedenen Religionen nicht zu einem Cocktail zusammenmixen, sozusagen ein bisschen Bergpredigt und ein bisschen Zen-Buddhismus und daraus einen multireligiösen Eckhart zusammenbrauen. Wir können die Gräben nicht zuschütten, aber wir können Brücken über die Gräben bauen, auf denen wir uns von beiden Seiten begegnen und miteinander ins Gespräch kommen können. Dieses Gespräch ist heutzutage dringend notwendig.

Ich will nun zum Schluss kommen. Eckhart wollte damals und er kann uns auch heute zu einem radikalen, an die Wurzel gehenden Christsein anleiten. Das geht nicht ohne Tempelreinigung. Sie fängt bei jedem Einzelnen selber an. Sie muss dann auch aus alten Verengungen und Verkrustungen ausbrechen und so zu einem im ursprünglichen Sinn des Wortes katholischen, das heißt allumfassenden Christsein führen. Solches Christsein nimmt dem Menschen nichts; es gibt ihm vielmehr Adel und Würde, es macht frei und ist schön. Es drängt zum Tun und schenkt in allen Lebenslagen innere Ruhe, Friede und Freude. Mit Worten zu Friede und Freude schließt Eckarts Predigt zur Tempelreinigung. Damit schließe auch ich. Denn Friede und tut uns heute besonders not. Die Freude an Gott ist unsere Stärke (Neh 8,10). Die gebe uns Gott. Amen.

 

 


 

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