Ökumenischer Vespergottesdienst im Hohen Dom in Augsburg

31. Oktober 2009

Kardinal Walter Kasper, Rom.

Ezechiel 11,17-20

„Gott ruft sein Volk zusammen“, so singen wir in einem unserer Kirchenlieder. Dieser Ruf zur Sammlung und zur Einheit ertönt, wie wir in der Lesung vom Propheten Ezechiel gehört haben, schon am Alten Testament; er wird im Neuen Testament nochmals kräftig verstärkt. Jesus ist gekommen um die zerstreuten Schafe Israels zu sammeln. Er hat darum gebetet, dass alle eins seien. Er hat eine einige Kirche gewollt – ein Glaube, eine Taufe, weil es nur einen Gott, nur einen Herrn Jesus Christus und nur einen Hl. Geist gibt, in dem und durch den Gott am Ende alles in allen sein will.

Gott ist und will Einheit; er will die eine Kirche als Instrument und Zeichen der Einheit der Menschheit. Die Sünde aber zerstreut, sie sät Zwietracht, sie trennt und spaltet. So ist die Spaltung unserer Kirchen und die vielen immer wieder neuen Spaltungen, wie wir sie bis in unsere Tage erfahren, ein Gegenzeugnis zum Evangelium. Sie ist Sünde; sie ist ein Skandal.

Die ökumenische Bewegung hat eine Gegenbewegung eingeleitet. Sie ist nicht Werk des Geistes des Liberalismus und des Indifferentismus; sie ist Impuls des Geistes Jesu Christi, des Hl. Geistes. Und weil sie das ist, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gottes Geist das zu Ende führt, was er selbst angestoßen und begonnen hat. Deshalb können und dürfen wir an der ökumenischen Option festhalten; es gibt dazu keine Alternative. „Sie werden mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein.“ Das ist die Grundverheißung Gottes an dass Volk des Alten Bundes. Sie gilt auch uns heute.

Dass wir vor zehn Jahren die Gemeinsame Erklärung unterzeichnen und damit einen Schlussstrich unter einen fast 500 Jahre währenden schweren Konflikt ziehen konnten, ja dass wir den damals erreichten Konsens inzwischen sogar noch ausweiten konnten, das war und das ist für mich und für viele andere ein Zeichen des Wirkens des Hl. Geistes. Dafür und für viele, viele andere Schritte, die seither möglich waren, können wir gar nicht genug dankbar sein. Das gottlose Gejammere über vermeintlichen Still-stand in der Ökumene und die elende Miesmacherei, die spießig nur sieht, was alles noch nicht erreicht ist, die aber vergisst, was uns auch in den letzten Jahren geschenkt worden ist, sind bare Undankbarkeit.

Lasst uns darum in diesem Gottesdienst von Herzen Dank sagen, und lasst uns gegen alle Enttäuschungen auch im eignen Herzen und gegen alle Widerstände und gegen alle gelegentlichen Querschüsse wiederholen, was vor zehn Jahren bei der Unterzeichnung gesagt wurde: Wir haben uns die Hand gereicht, und wir lassen sie, wir lassen uns nicht mehr los.

Wir müssen freilich realistisch sein und wissen: Der Weg der Sammlung des Volkes Gottes ist noch nicht zu Ende. Es liegen noch Stolpersteine, manchmal auch noch Felsblöcke auf den Weg. Es gibt – Gott sei’s geklagt – noch ungelöste offene Probleme zwischen uns. Darüber hinwegzusehen und hinwegzureden wäre nicht nur unverantwortlich leichtsinnig, es wäre nicht nur blind und töricht, es wäre auch lebensgefährlich, denn es könnte zu Karambolagen mit Totalschaden führen.

Was tun? Der Prophet gibt uns die Antwort. „Ich schenke ihnen ein anderes Herz und schenke ihnen einen neuen Geist.“ Jawohl, es gibt keine Ökumene ohne Umkehr des Herzens; es gibt keine Ökumene ohne ein Neuwerden des Herzens; es gibt keine Ökumene ohne Erneuerung durch den Hl. Geist. Wir sind zu behäbig, zu selbstzufrieden und zu selbstgerecht geworden. Wir haben – wie der Prophet sagt – abscheuliche Götzenbilder aufgestellt, und seien es nur scheinbar unausrottbare Vorurteile. Wenn wir eines nötig haben – nicht nur in der Ökumene, sondern in der deutschen Kirche und in Westeuropa ganz allgemein – dann ist es ein neues Pfingsten, ein neuer Schwung, eine neue Begeisterung und eine tiefgreifende geistliche Erneuerung.

Wir haben Strukturen; wir haben Gremien, wir haben auch, wenigstens vergleichsweise Geld, zumindest ist das nicht das Hauptproblem. Zum Hauptproblem wird es vielmehr, wenn wir meinen, damit die Probleme lösen zu können. Wir brauchen eine geistliche Ökumene, und sie ist in den letzten Jahren Gott sei Dank gewachsen. Eine geistliche Ökumene ist zuerst und vor allem anderen eine Ökumene des Gebets „Komm, Hl. Geist!“ Denn wir können die Einheit nicht machen, wir können sie nicht organisieren, schon gar nicht ertrotzen; die Einheit ist ein Geschenk des Hl. Geistes und eine Frucht des Gebets. Eine geistliche Ökumene meint eine Ökumene des gemeinsamen Lesens und betenden Bedenkens der Bibel als Wort Gottes und als der Wegweisung Gottes für unser Leben; in der geistlichen Ökumene machen wir uns gemeinsam auf den Weg der Nachfolge Jesu. In dem Maß, in dem wir mit ihm eins sind, werden wir es auch untereinander sein.

Geistliche Ökumene meint schließlich eine Ökumene der tätigen Liebe, welche den anderen in dem, was er positiv hat, auch in dem, was ihn unterscheidet, kennen lernen, verstehen und wertschätzen will, die ihm dort, wo er momentan in Schwierigkeiten ist, nach Kräften helfen will, eine Ökumene der tätigen Liebe, welche die Zusammenarbeit aller Christen sucht und aufbaut zum gemeinsamen Dienst an den Nöten der anderen. Denn Ökumene ist letztlich kein Selbstzweck; sie zielt über sich hinaus auf die Versöhnung, die Einheit und den Frieden in der Welt. Lasst uns also Vortrupp und Vorposten dieser Einheit und dieses Friedens sein. Amen.

< zurück zur Einleitung

> weiter zur Schlussbemerkung

<< zurück